Corona-Krise als „Critical Incident“

Es soll nicht zynisch klingen. Es ist allerdings überdeutlich, dass die Corona-Krise mit den Anforderungen an „Social Distancing“ und vor allem den Herausforderungen, sich mit begrenztem Ausgang und begrenzter Arbeit sowie Schulausfall zu arrangieren, so ziemlich alle Routinen und Muster des Alltags auf den Kopf stellt. Das ist herausfordernd und bringt hoffentlich den erwünschten schützenden Effekt.

Darüber hinaus steckt darin eine Chance auf weitere nachhaltige Veränderungen: Vielleicht gelingt es, einige der jetzt veränderten Interaktionsmuster gesellschaftlich, wirtschaftlich, individuell fortzuführen – bei gleichzeitiger Bewusstseinsbildung, dass diese Veränderungen auch im Sinne nachhaltiger Entwicklung sehr dringend sind.

Die Transformation von Verhaltensweisen auf den genannten Ebenen wurde schon mit Argumenten, wissenschaftlichen Fakten und Empfehlungen und Aktivismus versucht – leider mit noch zu geringem Effekt. Für eine wirkliche Veränderung braucht es darüber hinaus einen Anstoß, eine Irritation, die Veränderung nicht zur zu denken, sondern auch zu vollziehen. Veränderung verläuft in komplexen Systemen eben nicht linear, sondern über zeitweise auch chaotische Suchprozesse, die neue Ordnungen, Bewertungen, Verhaltensweisen hervorbringen. Die Übergänge werden angestoßen von „Perturbationen“, d.h. Ver-Störungen des Systems, die ein lineares Fortsetzen Ver-Unmöglichen. Ein kritisches Ereignis wie die Corona-Krise ist zweifellos dazu geeignet. „Endlich“ ein Critical Incident?

Sinnstiftende Veränderungen durch die Corona-Krise – für die Klima-Krise

Hier sind einige Aspekte der Veränderungen in der Interaktion, die als sinnstiftend auch für die Transformation im Sinne nachhaltiger Entwicklung gelten können:

  • Das Netzwerk von individuellen Beziehungen wird seiner Komplexität reduziert: Durch Facebook, WhatsApp & Co. wurde es besonders leicht, sog. Freunde als Liste zu sammeln und sich über die reine Anzahl der Namen für beliebt und sozial eingebunden zu halten. „Social Distancing“ erfordert eine Differenzierung: Mit wem kommuniziere ich in welcher Form, welche Menschen möchte ich noch treffen, mit welchen schreibem ich Nachrichten, wen begrüße ich per Handschlag oder Umarmung, wen durch Zunicken auf Abstand?
  • Menschen suchen Kontakt vermehrt im System statt außerhalb und konzentrieren sich auf Familie, Team, gewissermaßen „das Nahfeld„. Die Bedürfnisse in diesen Zusammenhängen stehen wieder im Fokus und gehen nicht durch Abwendung nach außen verloren.
  • Hilfsbereitschaft und Nachbarschaftshilfe sind präsent und werden gepflegt; Soziale Ächtung von rücksichtslosen Vorsorgeverhalten (Hamsterkäufe), vor allem durch die Erfahrung, dass Kooperation lebensnotwendig ist.
  • Politik und Gesellschaft beachten (endlich mal? endlich wieder?) wissenschaftliche Fakten und Empfehlungen. Wissenschaftler*innen gelten nicht mehr als durchgeknallte Fachidioten, sondern als Expert*innen, die sich z.T. mit hoch-relevanten Fragestellungen auf einem Niveau beschäftigen, das mit dem Alltagsverstand nicht erreichbar ist. Das kann die Macht und Reichweite populistischer Dummheit verringern.
  • Die Erkenntnis setzt sich durch, dass der entfesselte Markt eben nicht die Grundversorgung an Nahrungsmitteln, Infrastruktur, Gesundheitssystem, Kultur, Bildung und Sozialkontakten leisten kann.
  • Menschen besinnen sich auf ihre Kernkompetenzen. Die Reduktion der Kontaktmöglichkeiten und Wirkmöglichkeiten erfordert Klarheit und individuelle Entscheidungen (zumal da diese z.T. entkoppelt werden von äußerem Druck): Was sind meine Stärken, was ist mein Schwerpunkt, mein Ding?
  • Faktenbasierter Journalismus erfährt neue Wertschätzung und Unterstützung. Insbesondere der öffentlich-rechtiche Rundfunkt verfügt mittels seines Bildungsauftrags und der damit verbundenen Ressourcen über passende Angebote und Infrastruktur für qualitätsorientierte Innovation.
  • Die kurzen Wege für die alltägliche Versorgung werden wieder entdeckt, dies stärkt die lokale Einzelhandelsstruktur. Damit ist evtl. ein günstiger Effekt auf die Glokalisierung, d. h. der schrittweise Abkehr von vorrangig globalem Handel und globaler Produktion, verbunden, also eine Stärkung der KMU durch Abschwächung von Konzern-Macht.
  • Der betont individuelle Verkehr wird allerdings auch wiederentdeckt: in verstärktem Radverkehr, aber auch vermehrtem Autoverkehr (es sei denn, innovative Kombinationen aus IT-basierter Organisation und technischer Innovation wie z.B. intelligente Sammeltaxis gleichen dies aus).
  • Es wird deutlich, dass in Bezug auf die digitale Infrastruktur Deutschland noch Entwicklungsland ist. Allzu oft haben wir geflucht, wenn die E-Mails nicht gesendet wurde oder die Video-Konferenz daran scheiterte, dass nicht genügend Datenbandbreite verfügbar war.
  • Kreditwesen und Finanzwirtschaft stellen sich auf krisensichere und damit nachhaltigere Investitionen um, dies bedeutet weitere Relativierung von Konzern-Macht.
  • Vielleicht gehen Menschen nach dieser Erfahrung mit Zeit anders um: Die bisherigen Takte sind für eine ungewohnt lange Zeit ausgehebelt – ähnlich wie die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist das öffentliche Leben wie mit der Pausentaste angehalten, mit allen Vor- und Nachteilen. Der Wiedereinstieg in das altbekannte Zeitraster könnte mit (im positiven Sinne) kritischem Bewusstsein geschehen.
  • Die geteilte Erfahrung, auch globale Krisensituationen zu überstehen, zu bewältigen, zu adaptieren und sich damit auch kompetent zu erleben, stärkt die kollektive Bereitschaft für nachhaltige Veränderungen. Das kulturelle Narrativ wird erweitert um ein Kapitel der existenziellen Herausforderung und deren kraftvoller Bewältigung. Gelingt dies in einem internationalen Kontakt, kann der Effekt der Glokalisierung stattfinden ohne fremdenfeindlichen/ rassistischen Unterbau.

Weichen stellen für Existenzsicherung und Förderung im Sinne nachhaltiger Entwicklung

Dies ist eine Moment-Aufnahme gegen Ende März 2020, der Corona-Virus hat seinen Höhepunkt der Ausbreitung noch vor sich – oder wir ihn vor uns. Schon jetzt drängen sich Fragen der Existenzsicherung insbesondere von Freiberuflern und kleinen Unternehmen zu den Fragen des Gesundheitsschutzes hinzu. Es geht nicht zuletzt um die Förderung ganzer Wirtschaftsbereiche, die unter dem derzeitigen „Shutdown“ leiden, auch nach der Corona-Krise – und wie es sich jetzt schon abzeichnet, wird uns das eine Weile beschäftigen.

Wieder unter dem Lichte der Transformation zur nachhaltigen Entwicklung betrachtet: Die lenkende Kraft der Mittelvergabe setzt jetzt schon ein – und stellt die Weiche zwischen einem Weiter-So und innovativen und nachhaltigen Formen. Genau jetzt ist der Moment, die Weichen zu stellen zur bevorzugten Förderung von nachhaltigem Produzieren und Wirtschaften.

Seminar Systemische Didaktik

Lernprozesse durch Interventionen kompetenzorientiert aktivieren

Seminar am 5. – 7. Oktober 2020
in der Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid
Kursleitung: Dr. Thomas Reyer
offen für Lehrende aller Fächer und Bildungskontexte

—> Anmeldung

Lehren und Unterrichten ist mehr als die Vermittlung von Wissen: Es geht vielmehr um die Gestaltung eines Settings, das Lerner*innen zur gezielten Entwicklung von Kompetenzen anregt. Systemische Didaktik stellt den Lernprozess und seine Erfordernisse in den Vordergrund und setzt daher in besonderem Maße eine kompetenzorientierte Lehre um.

Dieser Didaktikkurs führt in die Grundzüge einer systemischen Didaktik ein, insbesondere in das Konzept der Intervention anstelle von Instruktion. Ausgehend von den angestrebten Kompetenzen wird eine systemischen Lehreinheit geplant und in Lehrstrategie methodischen Interventionen gestaltet. Die Haltung der Lehrenden wird als wirksame Facette thematisiert und reflektiert.

Viele Lehrende orientieren sich vor allem an den zu vermittelnden Inhalten – und übersehen die Möglichkeiten und Erfordernisse, die sich aus der Lerner-Perspektive ergeben. Prominent ist diesbezüglich die konstruktivistische Lerntheorie, die besagt, dass alle Lernerfahrungen ganz subjektiv aus Verarbeitung von individueller Erfahrungen folgen.

Eine direkte Instruktion wie in einem „Nürnberger Trichter“ ist für komplexe Inhalten nicht möglich – und wird dennoch häufig versucht. Eine starke Fokussierung auf die Fachinhalte fördert allenfalls lediglich die Kompetenz, Fakten zu reproduzieren, und fördert zu wenig die Entwicklung von Kompetenz als Fähigkeit, eigenständig komplexe Lösungen oder Handlungen zu entwickeln.

In Bezug auf Lernen und Entwicklung setzt die systemische Theorie beim Konstruktivismus an: In systemischer Beratung und Therapie wird Veränderung durch Impulse in Form von systemischen Interventionen angeregt. Dieses Konzept lässt sich auch auf Lehr-Lern-Situationen übertragen.