Muster mit Wert: Transformationsprozesse als Übergang von einer Stabilität zur nächsten

Transformationsprozesse kann man als Übergang von einem stabilen Muster in ein neues, noch zu entwickelndes Muster beschreiben. Muster meint hier regelmäßige Interaktionsabläufe und Deutungsschemata, die wichtige Beiträge für stabiles und anpassungsfähiges Verhalten von sozialen Systemen, aber auch physikalischen Systemen sind. Die Übergangsphase zwischen diesen Stabilitäten erscheint in aller Regel chaotisch, hier fehlen die stabilisierenden Regelmäßigkeiten. Diese Podcastfolge widmet sich diesem Thema u.a. mit Klangbeispielen.

Metronom-Konzert

Ein lautes Geprassel, ungestüm, wie Hagel auf einem Blechdach: So startet das Konzert „Poème symphonique für 100 Metronome“, eine Komposition des Musik-Avantgardisten György Ligeti aus der Fluxuszeit der Sechzigerjahre. In diesem Konzert ticken tatsächlich 100 Metronome – alle gleichzeitig – jedoch auf verschiedene Taktgeschwindigkeiten eingestellt.

Es wird zunächst kein fester Rhythmus erkennbar, und doch schälen sich aus dem klanglichen Chaos immer wieder einzelne Klanggruppen heraus, Gleichschritte oder kurze wiederholte Taktmuster. Doch bald gehen auch diese wieder im ungeordneten Ticken unter.

Aus urheberrechtlichen Gründen belasse ich es bei diesem kurzen musikalischen Zitat im Rahmen des §51 des Urheberrechtsgesetzes. Ich habe die Grundidee stattdessen nun selbst nachgebaut, allerdings nur mit 8 Metronomen.

Muster als Verbindungen der lebendigen Interaktion

Gregory Bateson, einer der Systemtheorie-Pioniere in Palo Alto, erforschte einige Jahre vor Ligetis Komposition Muster in einem anderen Zusammenhang: Er erkannte Muster in der Kommunikation als Verbindungen in der lebendigen Interaktion, zum Beispiel im wechselseitigen Situationsverständnis, gemeinsamen Konfliktverhalten oder im alltäglichen Kommunikationsverlauf.

Muster als regelmäßig wiederkehrende Abfolgen lassen sich vielfältig auch in der Natur beobachten: Wellen, Gezeiten, Atemzüge, Herzrhythmen, Jahreszeiten, Lebenszyklen, Planetenbahnen. In allen diesen Beispielen erzeugen selbstähnliche, aber nie identische Wiederholungen Stabilität – eine dynamische Stabilität, die sich viel beweglicher an neue Situationen anpassen kann als jede starre, statische Stabilität.

In sozialen, also menschlichen Systemen bedeuten Muster regelmäßige Interaktionsabläufe und Deutungsschemata, die wichtige Bausteine für stabiles und anpassungsfähiges Verhalten in solchen Systemen darstellen: Also etwa mit welchen Routinen wir alleine oder gemeinsam unseren Alltag organisieren – je regelhafter desto entlastender. Oder wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen und auch erwarten, wie diese mit uns umgehen – das ist in Familie, im Beruf oder auf der Straße sicherlich recht unterschiedlich – und funktioniert meist ganz gut, ohne dass wir darüber nachdenken müssen.

In der Systemtheorie werden Muster nicht als feste Realität der Beziehungspartner*innen aufgefasst,
sie entstehen erst aus deren Interaktion. Muster sind also Ausdruck von Stabilität und geben Stabilität – in Familien, Organisationen, Ökosystemen. Und sie wirken gewissermaßen magnetisch, sie geben eingeübte Ordnung, laden ein, das Vertraute fortzusetzen – selbst dann, wenn etwas Neues viel passender oder einfacher wäre, ein solches neues Muster aber noch nicht abrufbar ist.

Transformation ist Übergang zwischen Mustern

In diesem Verständnis kann man Transformationsprozesse als Übergänge von einem stabilen Muster in ein neues, noch zu entwickelndes Muster beschreiben. Dabei ist Transformation mehr als nur eine Veränderung im Sinne einer Variation. Es geht um eine so starke Variation, die über einen Kipppunkt hinaus geht, sodass etwas qualitativ völlig neues entsteht.

Instabil sind vielmehr die Übergänge zwischen diesen Stabilitäten: Hier geht es um einen Weg durch eine Krise. Der italienische Gesellschaftstheoretiker Antonio Gramsci schrieb vor knapp hundert Jahren:

Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: In diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“

Durch dieses krisenhafte Zwischenstadium muss man also unvermeidlich hindurch. Der Weg von einer alten Stabilität zu einer neuen führt notwendigerweise durch das Chaos.

Instabilität des Übergangs bewältigen

Eine solcher Weg durch Krise und Chaos, eine solche Transformation kann daher sehr herausfordernd sein – in persönlichen, organisationalen oder gesellschaftlichen Kontexten. Solche Übergänge kennen wir alle persönlich zur Genüge: mit jeder Lebensphase, wenn wir erwachsener werden, mit Wohnortwechsel, mit einer neuen Partnerin oder einem neuen Partner, mit Zuwachs oder Verlust in der Familie, mit dem Wechsel eines Arbeitsplatzes, mit dem Verlust von Möglichkeiten oder Lebenszeit etc.

Um auszuhalten, das Neue noch nicht greifen zu können, und dennoch das Alte loszulassen, hilft Zuversicht. Der Blick auf eine wünschenswerte Zukunft erfordert Vorstellungskraft: Welche neue Normalität wollen wir gestalten? Sich genau auszumalen, wohin die Reise des Übergangs gehen soll, gibt Klarheit, Sinn und Richtung, aber auch Kraft, Ressourcen und Zuversicht, sich gut orientiert auf den Weg zu machen – und nicht am alten Nicht-mehr-Funktionierenden zu kleben. Kulturelle Bildung und künstlerische Praxis sind hier gute Wege, um Räume zu öffnen – Möglichkeitsräume, in denen diese Ideen erfunden, erspielt und entfaltet werden können.

Online-Spiel Muster-Match

Um Übergänge von einem Muster in ein anderes zu visualisieren, habe ich ein kleines didaktische Spiel „Muster-Match“ entworfen: Hier entwickeln zwei Spieler*innen von je einer Seite ihr individuelles visuelles Muster und sind gefordert, schrittweise den Übergang dazwischen gemeinsam zu gestalten. Hier wird in der Regel sichtbar, dass Übergänge zwischen Mustern manchmal ungeordnet oder sprunghaft erscheinen. Dies kann einen Reflexionsanlass für anstehende Veränderungsprozesse beispielsweise in Teams, Organisationen oder persönlichen Beziehungssystemen sein.

Dieses Spiel ist online unter https://threyer.de/muster-match/ zu finden. Ihr braucht zwei digitale Endgeräte und los geht’s.

Beim Ausprobieren ist mir selbst aufgefallen, dass dieses Spiel durchaus mehr psychologische Tiefe anbieten kann, als man ihm auf den ersten Blick ansieht. Zum Beispiel kann man hier sehr leicht konfrontiert werden mit dem persönlichen Umgang mit anderen Mustern bzw. Vorstellungen, zum Beispiel: Wie schnell passe ich mein Muster an – oder wie lange halte ich es fest?

Muster als Wahrnehmung

Das Metronomkonzert ist ein Spiel zwischen Stabilität und Veränderung. Die Metronome folgen stoisch ihren individuellen mechanischen Abläufen. Die wahrgenommenen Muster entstehen nicht als objektive Realität – die Ordnung mitten im Chaos entspringt der Interpretation des menschlichen Hörsinns. Die Beobachter*innen stellen mental Klangmuster her und spüren direkt die Befriedigung, im Durcheinander eine Struktur zu finden. Muster geben Ordnung, Halt, Orientierung – auch im Klang des Regens, der gegen die Fensterscheibe prasselt.

Zum Abschluss habe ich noch ein eigenes Klangbeispiel für einen Übergang: eine Mini-Melodie, die nach 8 Takten für jede Note ein eigenes Tempo einnimmt, sodass die Melodie für 32 Takte „zerfällt“ und zum Schluss für die letzten 8 Takte wieder geordnet klingt.

Musikzitate

Diese Podcast-Folge enthält kurze Ausschnitte aus folgenden Werken als analytisches Hörbeispiel zur Veranschaulichung von Muster und Transformation. Die Nutzung erfolgt auf Grundlage des Zitatrechts (§ 51 UrhG).

György Ligeti: Poème symphonique pour 100 métronomes (1962)
© Schott Music GmbH & Co. KG, Mainz
Aufnahme:
Françoise Terrioux (Metronomes)
aus: György Ligeti Edition 5: Mechanical Music
Sony Classical, SK 62310, 1997
℗ 1997 Sony Classical, a division of Sony Entertainment Holdings GmbH

Regen Sounds: Prasseln des Regens zum Schlafen
SoundCloud, 2022
© Regen Sounds, alle Rechte vorbehalten
https://soundcloud.com/regensounds/prasseln-des-regens-zum

Die Klangbeispiele mit den 8 Metronomen und der Zungentrommel sind von Thomas Reyer produziert.