Interventionen für eine Multi-Problem-Gesellschaft

von Thomas Reyer & Anna-Maria Reinartz, erschienen in: Konfliktdynamik, 2/2022.

Die planetare Gesundheit ist akut von massiven Symptomen geschädigt, und ihre Prognose ist sehr schlecht. Alle Ökosysteme, Wirtschaftssysteme und Lebenswirklichkeiten zeigen sich bereits heute destabilisiert, der Fortbestand der Spezies Mensch und der humanen Gesellschaften steht auf dem Spiel. Die wichtigsten technologischen und politischen Maßnahmen sind bekannt. Das Problem besteht vielmehr darin, sich für diese Maßnahmen rasch und grundlegend zu entscheiden.

In unserem Artikel tragen wir Hypothesen zusammen, um diese Dynamik verstehend nachzuvollziehen. Wir ordnen die Hypothesen nach folgenden Aspekten:

  • ​Hypothesen zu individuellem Erleben und Verhalten
  • Hypothesen zu Kognition und Mediennutzung
  • Hypothesen zur sozialen Interaktion

Anschließend skizzieren wir Interventionsstrategien für individuelles und kollektives Veränderungshandeln, mit dem Ziel, die stabilisierten schädlichen Regelhaftigkeiten durch günstigere auszutauschen.

Planetary health is acutely damaged by severe symptoms, its prognosis is quite poor. All ecosystems, economic systems and spheres of life are affected and destabilized, and the existence of the human species and human societies is at stake. The essential technological and political actions are known. The problem now is to decide for a solution and take these actions quickly and fundamentally.

In this article, we bring together hypotheses in order to understand this dynamic. We then outline interventional strategies for individual and collective change, with the aim of replacing the stabilised harmful interactional patterns with more beneficial behaviour.

Systemische ​Strategien zur Intervention

Aus unserer Hypothesen-Sammlung möchten wir einige Strategien für Interventionen ableiten. Die konkrete methodische Umsetzung müsste unter Berücksichtigung des Kontexts gestaltet werden. Alle diese Ansätze sollen die betreffenden Personen bzw. Personengruppen ins transformative Handeln bringen, sprich zu einer aktiven Veränderung, die zu einer neuen gelebten Normalität beiträgt, die durch ihre Routinierung zu einer nachhaltig gestalteten Welt beiträgt.

Strategie 1: Kenntnis und Kommunikationsfähigkeit

Die Kenntnis der wissenschaftlich gesicherten Sachlage kann die Basis für Wahrnehmung und Handlungsspielraum festigen. Hierzu gehört auch die Unterscheidung von Erkenntnissen, Modellierungen und Meinungen sowie die Fähigkeit, Kommunikation im öffentlichen Raum lesen und kritisch bewerten zu können (vgl. Internet-Literacy). Hier könnte es etwa darum gehen, das Wissen über die Bedrohung und Alternativen weiterzugeben – durchaus in quasi missionarischer Haltung.

Strategie 2: Komplexität reduzieren

Die individuell wahrgenommene Komplexität reduzieren hieße, individuelle Klarheit über den eigen Handlungsspielraum zu erhalten. Dadurch können Entscheidungen und Auswirkungen überschaubar werden und die eigene Verantwortung wahrgenommen werden. Hierfür lohnt es sich, seine „Systemkompetenz“ zu erweitern: In welchem Kontext befinde ich mit in welcher Rolle mit welchen Handlungsoptionen und mit welchen Wechselwirkungen?

Strategie 3: Kontakt mit dem Ökosystem stärken

Ein engerer Kontakt mit dem Ökosystem würde das Bewusstsein für die ökologischen Zusammenhänge ganzheitlich schärfen und die Abhängigkeiten von natürlichen Ressourcen und Auswirkungen des eigenen Handelns spüren und erkennen lassen. Möglicherweise lässt sich dies bereits realieren, indem man sowohl in privater wie auch professioneller Rolle vermehrt nach Gelegenheiten sucht, „raus zu gehen“ – für einen langen Spaziergang zur Abendverabredung oder auch Coaching im Format „Walk and Talk“.

Strategie 4: Kollektive Identität stiften

Kollektives Handeln stärkt das Erleben von Selbstwirksamkeit sowie die Weiterentwicklung des Wertesystems als Handlungsgrundlage und Rahmen für Alltagsroutinen (neuer „Normalbetrieb“). Dazu lohnt es sich, Netzwerke mitzugestalten, zu verknüpfen oder zu gründen; im Freizeitbereich kann dies beispielsweise aus Vereinen heraus geschehen, im beruflichen Feld möglicherweise aus Berufsverbänden oder Interessengruppen.

Strategie 5: Konfrontation

Eine Konfrontation mit den Auswirkungen des umweltschädlichen Handelns könnte zu einer zumindest kurzfristigen Unterbrechung des routinierten Handelns und deren kritischer Neubewertung führen.
Hier bietet sich u.a. auch die Option der „sozialen Ungehorsamkeit“ an: Durch kollektive (nicht-gefährdende) Regelbrüche kann die öffentliche Aufmerksamkeit für einen Augenblick auf einen ausgewählten Aspekt gelenkt werden. So gab es beispielsweise in Bristol und in Brüssel 2018 so genannte Plastik-Mobs, in denen nach Verabredung eine große Gruppe von Kund*innen ihre im Großsupermarkt gekauften Waren direkt im Ausgang auspackten und den beeindruckenden Berg von Verpackungsmüll dort ließen – die Fotos „gingen um die Welt“.

Strategie 6: Konstruktion von Lösungsvisionen

Veränderungsimpulse entfalten Wirksamkeit, wenn praktikable Handlungsalternativen zum bisherigen Tun erkennbar sind, und die zu einem erwünschten Ergebnis führen. Handlungsmotivation lässt sich durch die Konstruktion eines positiven angenehmen Ziels steigern. Die Arbeit an einem Idealbild einer wünschenswerten Zukunft kann sehr inspirierend sein und – von der Zukunft her gedacht – hilfreiche Schritte aufzeigen.

Fazit

Aus der beraterischen bzw. therapeutischen Praxis ist bekannt: Menschen setzen ihr Verhalten so lange fort, bis sie es unbedingt verändern müssen – und, wenn deutlich wird, welche alternative Verhaltensweise deutlich entlastender oder erfolgreicher zu sein verspricht.

Wir sind gesellschaftlich an einen Punkt gelangt, an dem es einer Revolution des eigenen Handelns bedarf. Auch wenn wir uns kein Beispiel an Revolutionen wie der französischen „Aufklärung“ nehmen möchten, können wir uns von Kants (1784) Forderung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ inspirieren lassen und von uns selbst fordern: „Habe Mut, dich deiner eigenen Handlungsoptionen zu bedienen!


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